Ein Modehaus als Balsam für die Seele
Wolfgang Stephan im Gespräch mit Gerhard Mohr
„Muss das sein?“ – Die Frage kommt völlig erwartet immer dann, wenn etwas mehr in der Zeitung stehen soll als die Angebote aus dem Modehaus. „Bescheidenheit ist eine Zier“, es könnte das Motto der Familienchronik der Mohrs aus Dollern sein. Pech für Gerhard Mohr, dass wir im Duden noch eine andere Deutung fanden: „Alle großen Männer sind bescheiden“, schrieb Lessing einst. Bewegen wir uns dazwischen bei der Betrachtung des Senior-Chefs eines Modehauses, das in diesen Tagen seinen 60. Geburtstag feiert.
Nicht unbedingt ein großes Jubiläum, meint der 75-Jährige, der allerdings auch nicht verschweigt, dass, wie er sagt, „im beinharten Wettbewerb“ des Einzelhandels alle Register gezogen werden müssen, um zu bestehen. „Wir müssen uns auch mal zu Wort melden und signalisieren, dass es uns auch noch gibt.“ Eine schlichte Untertreibung, denn natürlich weiß er auch, dass der Name Mohr eine der führenden Marken im Landkreis ist. Mit einer Verkaufsfläche von 19 000 Quadratmetern gehört das Haus in Dollern zu den Großen der Branche in Norddeutschland. „In Fachkreisen werden wir in der ersten Reihe genannt“, sagt der Senior, um sich sofort zu entschuldigen: „Das müssen Sie nicht schreiben, weil es sich überheblich anhören könnte.“ Gleichwohl ist der Stolz über das Erreichte nicht zu überhören.
Um die Geschichte des Hauses zu begreifen, ist der Blick in die Historie wichtig: 1948 hatte der Anfang 2004 verstorbene Bodo Mohr das Fundament für das heutige Unternehmen gelegt: Ein kleiner Laden mit kleinem Sortiment in Dollern, Bettwäsche, Knöpfe, Berufsbekleidung – was damals gefragt und zu bekommen war. 1952 wird Mode ins Sortiment genommen und ein Versandhandel gegründet, der von Dollern aus bundesweit tätig ist. Eine Entscheidung mit unternehmerischem Weitblick, denn schon bald entwickelte sich aus dem Versandhandel ein Versandhaus mit 330 Beschäftigten. 1961 wurde eine aus heutiger Sicht vorsintflutartige, damals aber hochmoderne „EDV-Anlage“ in Betrieb genommen. Trotz der Konkurrenz von „Schwab“ und „Otto“ konnte Mohr im Konzert der Versandhäuser lange mithalten – bis 1970, als der Betrieb mächtig in Turbulenzen kam. Durch Krankheit der führenden Mitarbeiter konnte der Katalog nicht rechtzeitig erstellt werden. Mohr erinnert sich: „Wir mussten aus der Not eine Tugend machen und das Unternehmen umstellen.“ Es war die eigentliche Gründung des Modehauses. Erst wurden die Restbestände des Versandhandels verkauft, dann wurde das Haus mit neuen Waren bestückt. Wenig später kam mit der Möbelabteilung ein weiteres Standbein hinzu. Alles unter der Regie des Gründers Bodo und seines Sohnes Gerhard Mohr, der seit 1954 dem Vater zur Seite stand und dessen Ehefrau Elli wenig später ebenfalls in der Führung maßgeblich mitwirkte.
Eine Symbiose, die 1989 eine Neuauflage erlebte, als Sohn Volker als Junior-Chef in Dollern begann. Mittlerweile hat er den Vater gemeinsam mit seiner Frau Beke in der ersten Reihe abgelöst, ohne allerdings Gerhard Mohr zu verdrängen. Der gehört auch heute noch mit seinen 75 Jahren zum gefühlten und tatsächlichen Inventar des „Wohlfühlhauses“, ein Werbe-Slogan, der die Gefühlslage des Chefs treffend beschreibt. „Ich freue mich einfach, wenn ich durch das Haus gehe und sehe, was wir alles erreicht haben“, sagt Gerhard Mohr, der keinen Anspruch mehr auf eine Führungsaufgabe erhebt, gleichzeitig aber weiß, dass der Sohn alle wichtigen und manchmal auch unwichtigen Entscheidung mit ihm bespricht. Ob er jemals Knatsch mit seinem Sohn hatte? „Oh ja“, sagt der Senior so überraschend, dass die vermeintliche Harmonie in der Familiensage kurzfristig infrage gestellt werden muss. „Das war zu dessen Sturm- und Drangzeiten“, schiebt der Vater erklärend nach. Nein, seit sie gemeinsam das Unternehmen führen, habe es nie Streit gegeben. Andere Meinungen schon, aber die seien bekanntlich wichtig, um so ein Haus erfolgreich über alle Klippen zu schiffen.
Das Geheimnis des Erfolgs?
Die Vision des Unternehmers zweifelsfrei, aber auch die Philosophie des Hauses. Einerseits die Pflege der Kunden („Für unsere Kunden reißen wir uns ein Bein aus“) und andererseits die Führung der gut 300 Beschäftigten. Die Frage, ob Gerhard Mohr alle persönlich kenne, wird mit einem leicht despektierlichen Blick quittiert. Die Antwort. „Jeder unserer Mitarbeiter bekommt zum Geburtstag eine handgeschriebene Karte von mir“, erzählt Mohr, der auch keinen Hehl daraus macht, dass er auch deswegen gerne durchs Haus gehe, weil er überall freundliche Gesichter sehe.
Letztlich ist damit die Frage nach dem Aufhören beantwortet. Klar, seine Ehrenämter als Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Stade mit 18-jähriger Mitgliedschaft im Präsidium oder sein Engagement im Vorstand der AOK Stade hat er längst aufgegeben.
In seinem Büro mit Blick über das Alte Land zur Elbe sitzt er nicht mehr ganz so lange. Dass er mit Laptop ausgestattet und selbstverständlich per Mail zu erreichen ist, gehört in das Gesamtwerk Gerhard Mohr, der in der nach oben offenen Skala der Gelassenheit des Alters mächtig weit gekommen ist. „Irgendwie ist dieses Haus tagtäglich Balsam für meine Seele.“
Glücklich, wer so etwas über sein Lebenswerk sagen kann. Die Bescheidenheit nehmen wir ihm nicht übel.
Artikel erschienen am: 13.09.2008 im Tageblatt
„Muss das sein?“ – Die Frage kommt völlig erwartet immer dann, wenn etwas mehr in der Zeitung stehen soll als die Angebote aus dem Modehaus. „Bescheidenheit ist eine Zier“, es könnte das Motto der Familienchronik der Mohrs aus Dollern sein. Pech für Gerhard Mohr, dass wir im Duden noch eine andere Deutung fanden: „Alle großen Männer sind bescheiden“, schrieb Lessing einst. Bewegen wir uns dazwischen bei der Betrachtung des Senior-Chefs eines Modehauses, das in diesen Tagen seinen 60. Geburtstag feiert.
Nicht unbedingt ein großes Jubiläum, meint der 75-Jährige, der allerdings auch nicht verschweigt, dass, wie er sagt, „im beinharten Wettbewerb“ des Einzelhandels alle Register gezogen werden müssen, um zu bestehen. „Wir müssen uns auch mal zu Wort melden und signalisieren, dass es uns auch noch gibt.“ Eine schlichte Untertreibung, denn natürlich weiß er auch, dass der Name Mohr eine der führenden Marken im Landkreis ist. Mit einer Verkaufsfläche von 19 000 Quadratmetern gehört das Haus in Dollern zu den Großen der Branche in Norddeutschland. „In Fachkreisen werden wir in der ersten Reihe genannt“, sagt der Senior, um sich sofort zu entschuldigen: „Das müssen Sie nicht schreiben, weil es sich überheblich anhören könnte.“ Gleichwohl ist der Stolz über das Erreichte nicht zu überhören.
Um die Geschichte des Hauses zu begreifen, ist der Blick in die Historie wichtig: 1948 hatte der Anfang 2004 verstorbene Bodo Mohr das Fundament für das heutige Unternehmen gelegt: Ein kleiner Laden mit kleinem Sortiment in Dollern, Bettwäsche, Knöpfe, Berufsbekleidung – was damals gefragt und zu bekommen war. 1952 wird Mode ins Sortiment genommen und ein Versandhandel gegründet, der von Dollern aus bundesweit tätig ist. Eine Entscheidung mit unternehmerischem Weitblick, denn schon bald entwickelte sich aus dem Versandhandel ein Versandhaus mit 330 Beschäftigten. 1961 wurde eine aus heutiger Sicht vorsintflutartige, damals aber hochmoderne „EDV-Anlage“ in Betrieb genommen. Trotz der Konkurrenz von „Schwab“ und „Otto“ konnte Mohr im Konzert der Versandhäuser lange mithalten – bis 1970, als der Betrieb mächtig in Turbulenzen kam. Durch Krankheit der führenden Mitarbeiter konnte der Katalog nicht rechtzeitig erstellt werden. Mohr erinnert sich: „Wir mussten aus der Not eine Tugend machen und das Unternehmen umstellen.“ Es war die eigentliche Gründung des Modehauses. Erst wurden die Restbestände des Versandhandels verkauft, dann wurde das Haus mit neuen Waren bestückt. Wenig später kam mit der Möbelabteilung ein weiteres Standbein hinzu. Alles unter der Regie des Gründers Bodo und seines Sohnes Gerhard Mohr, der seit 1954 dem Vater zur Seite stand und dessen Ehefrau Elli wenig später ebenfalls in der Führung maßgeblich mitwirkte.
Eine Symbiose, die 1989 eine Neuauflage erlebte, als Sohn Volker als Junior-Chef in Dollern begann. Mittlerweile hat er den Vater gemeinsam mit seiner Frau Beke in der ersten Reihe abgelöst, ohne allerdings Gerhard Mohr zu verdrängen. Der gehört auch heute noch mit seinen 75 Jahren zum gefühlten und tatsächlichen Inventar des „Wohlfühlhauses“, ein Werbe-Slogan, der die Gefühlslage des Chefs treffend beschreibt. „Ich freue mich einfach, wenn ich durch das Haus gehe und sehe, was wir alles erreicht haben“, sagt Gerhard Mohr, der keinen Anspruch mehr auf eine Führungsaufgabe erhebt, gleichzeitig aber weiß, dass der Sohn alle wichtigen und manchmal auch unwichtigen Entscheidung mit ihm bespricht. Ob er jemals Knatsch mit seinem Sohn hatte? „Oh ja“, sagt der Senior so überraschend, dass die vermeintliche Harmonie in der Familiensage kurzfristig infrage gestellt werden muss. „Das war zu dessen Sturm- und Drangzeiten“, schiebt der Vater erklärend nach. Nein, seit sie gemeinsam das Unternehmen führen, habe es nie Streit gegeben. Andere Meinungen schon, aber die seien bekanntlich wichtig, um so ein Haus erfolgreich über alle Klippen zu schiffen.
Das Geheimnis des Erfolgs?
Die Vision des Unternehmers zweifelsfrei, aber auch die Philosophie des Hauses. Einerseits die Pflege der Kunden („Für unsere Kunden reißen wir uns ein Bein aus“) und andererseits die Führung der gut 300 Beschäftigten. Die Frage, ob Gerhard Mohr alle persönlich kenne, wird mit einem leicht despektierlichen Blick quittiert. Die Antwort. „Jeder unserer Mitarbeiter bekommt zum Geburtstag eine handgeschriebene Karte von mir“, erzählt Mohr, der auch keinen Hehl daraus macht, dass er auch deswegen gerne durchs Haus gehe, weil er überall freundliche Gesichter sehe.
Letztlich ist damit die Frage nach dem Aufhören beantwortet. Klar, seine Ehrenämter als Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Stade mit 18-jähriger Mitgliedschaft im Präsidium oder sein Engagement im Vorstand der AOK Stade hat er längst aufgegeben.
In seinem Büro mit Blick über das Alte Land zur Elbe sitzt er nicht mehr ganz so lange. Dass er mit Laptop ausgestattet und selbstverständlich per Mail zu erreichen ist, gehört in das Gesamtwerk Gerhard Mohr, der in der nach oben offenen Skala der Gelassenheit des Alters mächtig weit gekommen ist. „Irgendwie ist dieses Haus tagtäglich Balsam für meine Seele.“
Glücklich, wer so etwas über sein Lebenswerk sagen kann. Die Bescheidenheit nehmen wir ihm nicht übel.
Artikel erschienen am: 13.09.2008 im Tageblatt







